Die christliche Identität entfaltet sich ausgehend vom Osterereignis und seiner Verkündigung, von seiner liturgischen Vergegenwärtigung und seiner Umsetzung in eine entsprechende Lebenspraxis. Die Vorlesung, die sich mit der Entstehung und Entwicklung des kirchlichen Lebens in den ersten Jahrhunderten befasst, hat dementsprechend folgende Schwerpunkte:

● Frühkirchliche Theologie und Verkündigung
(die Frage nach der Wahrheit in Auseinandersetzung mit Judentum, Philosophie, heidnischen Religionen, Häresien)
● Frühe Formen des christlichen Gebets und Gottesdienstes; Anfänge des sakramentalen Lebens in der Alten Kirche (Bekehrung – Katechumenat – Taufe; Eucharistie; altkirchliche Bußpraxis)
● Die Praxis christlicher Nächstenliebe in den ersten Jahrhunderten
(die Sorge für den Mitchristen; die Sorge für den Mitmenschen)
● Der Aufbau von Gemeindestrukturen (Ämter und Dienste; christliche Gemeinden im Römischen Recht)

Dass „die Kirche stets reformbedürftig“ (ecclesia semper reformanda) ist, war nicht erst die Überzeugung der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils (s. LG 8,3). ‚Selbstkritik‘ innerhalb der Kirche ist bereits in den Paulusbriefen feststellbar und ‚Reformversuche‘ lassen sich schon aus den Briefen der Apostolischen Väter ableiten. Die Vorlesung hat das Ziel, in einem Durchgang durch die Kirchengeschichte aufzuzeigen, welchen Wandlungen das Verständnis des Begriffs ‚Re-form‘ innerhalb der Kirche(n) unterlag und welche Gegebenheiten jeweils aufgrund welcher Entwicklungen als reformbedürftig angesehen wurden. Als Beispiele behandelt werden sollen etwa: Selbstkritik im Neuen Testament und ihre Verwendung in der antiken antichristlichen Polemik (Celsus, Porphyrius, Julian Apostata) – Innerkirchliche Kritik an Gemeinden und Amtsträgern in (außerkanonischer) christlicher Literatur des 1. bis 5. Jahrhunderts (1. Klemensbrief; Didache; Hieronymus, Sulpicius Severus ...) – Versuche einer Kirchenreform im 4. und 5. Jahrhundert (z.B. ‚Entweltlichung‘ durch Enthaltsamkeit der Amtsträger; ‚Mönchsbischöfe‘; freiwillige Armut; verstärkte Armenfürsorge; Priszillianer; Donatisten) – ‚Karolingische Reform‘ – Klosterreformen des 10. und 11. Jahrhunderts (Cluny; Gorze) – Die zisterziensische Erneuerung – Gregorianische Reform (Reformpapsttum; Investiturstreit) – Die Armutsbewegung (Waldenser; Katharer/Albigenser; Bettelorden) – Die ‚Reformkonzilien‘ des 15. Jahrhunderts (Pisa 1409, Konstanz 1414–1418, Pavia-Siena 1423/24, Basel 1431–1437 bzw. 1449) – Devotio moderna – Reformversuche des 16. Jahrhunderts vor Trient (Luther; Hadrian VI; J. Gropper) – Zu weiteren Entwicklungen der Reformation (Luther; Zwingli; Calvin ...) – Das Konzil von Trient und seine Folgen – Josephinismus – Kirchliche Erneuerung nach der Säkularisation – Reformkatholizismus ab 1900 – Reformansätze vor Vaticanum II (Renouveau catholique; Liturgische Bewegung; Nouvelle théologie) – Vaticanum II als Reformkonzil – Nachkonziliare Reformbemühungen kirchlicher Gruppen und der Päpste (Paul VI; Johannes Paul II; Benedikt XVI; Franziskus).

ACHTUNG TERMINVERSCHIEBUNGEN

Der Termin der Vorbesprechung wird vom 29.04.20 auf den 27.05.20 verschoben.
Der erste Exkursionstermin wird vom 16.05.20 auf den 11.07.20 verschoben.
Der zweite Exkursion bleibt geplant für den 27.06.20 .

Damit ergibt sich der folgende aktualisierte Terminplan:
Mittwoch, 27.05.20, 9.30 Uhr bis 10.30 Uhr: Vorbesprechung
Samstag, 27.06.20 (ganztägig): Exkursionstermin A
Samstag, 11.07.20 (ganztägig): Exkursionstermin B.

Die Veranstaltung soll in Form einer Exkursion nach Worms stattfinden. Im Lauf ihrer Geschichte wurde die Stadt Worms immer wieder Zeugin kirchlicher Reformen und Reforminitiativen. Die Exkursion wird dies anhand zweier unterschiedlicher Beispiele näher beleuchten.

Zum einen besuchen wir das Wormser Dominikanerkloster sowie den Standort des heute nicht mehr existierenden mittelalterlichen Klosters. Dabei wird in den Blick genommen, auf welche Weise die Mendikanten („Bettelorden“) – hier konkret am Beispiel des von Dominikus gegründeten Predigerordens – ihr Reformprogramm zu unterschiedlichen Zeiten bis heute zu verwirklichen such(t)en. Auch Reformbemühungen innerhalb des Ordens spielen dabei eine Rolle. Zum anderen besuchen wir Orte der Reformation in Worms und begeben uns damit auch auf die Spuren Martin Luthers. Seit dessen Auftritt beim Reichstag von 1521 gilt Worms als eine der bekanntesten Wirkungsstätten des Wittenberger Reformators. Ausgehend von diesen beiden Beispielen wird zu fragen sein, was „Reform“ angesichts der Diversität verschiedenster kirchlicher Reformprojekte in ihrem Kern ausmachen könnte und wie sich dabei überhaupt von ihrem „Gelingen“ sprechen lässt.

Zum Bestehen der Übung ist neben der Teilnahme an einer der beiden angebotenen Exkursionen  (die Teilnahme an beiden Terminen ist natürlich ebenfalls möglich) sowie an der Vorbesprechung die Abgabe eines zwei- bis dreiseitigen Essays zu einem der beiden Themenbereiche (1. Reform und Dominikaner/Reformen durch den bzw. im Dominikanerorden; 2. Reformation unter Luther/Martin Luther in Worms) erforderlich.

Literatur

Zum Dominikanerorden:

Bailey, Michael: Religious poverty, mendicancy and reform in the late Middle Ages, in: Church history 72 (2003), 457-483.

Schmidt, Hans-Joachim: Legitimität und Innovation. Geschichte, Kirche und neue Orden im 13. Jahrhundert, in: Vita religiosa im Mittelalter 1999, 371-391.

Springer, Klaus-Bernward. Dominikanische Reform und protestantische Reform, in: Wort und Antwort 58 (2017), 50-56.

Sohn, Andreas: Re-form und Re-formation: zu Erneuerungsbewegungen in Kirche und Gesellschaft an Beispielen aus den mittelalterlichen Bettelorden, in: Historisches Jahrbuch 137 (2017), 24-51.

Zu Martin Luther:

Brunelli, Giampiero: Das Heilige Römische Reich und seine Reichstage, 1521-1546, in: Melloni, Alberto (Hg.): Luther. Ein Christ zwischen Reformen und Moderne (1517-2017), Berlin/Boston 2017, 363-380.

Close, Christopher: Der Reichstag zu Worms und das Heilige Römische Reich, in: Melloni, Alberto (Hg.): Luther. Ein Christ zwischen Reformen und Moderne (1517-2017), Berlin/Boston 2017, 327-342.

Unterburger, Klaus: Unter dem Gegensatz verborgen. Tradition und Innovation in der Auseinandersetzung des jungen Martin Luther mit seinen theologischen Gegnern, Münster 2015.

Leistungsnachweis

- vollständige Teilnahme an mindestens einem der beiden Exkursionstermine sowie an der Vorbesprechung - Abgabe eines Essays (2-3 Seiten) zu einem der beiden Themenbereiche

Hinweise

Vorbesprechung: geplanter Termin: Mi., 27.05., 9.30-10.30 Uhr NEU (für eventuelle Verschiebungen s. Homepage der Hochschule)

Um kurze Voranmeldung per Mail an koenig@sankt-georgen.de wird gebeten.

Geplante Exkursionstermine: 27.06./11.07. NEU (für eventuelle Verschiebungen s. Homepage der Hochschule)



Das Leben der in Zisterzienserklöstern und -stiften Lebenden beschränkte sich weder im Mittelalter noch heute ausschließlich auf Frömmigkeit und Bildung, sondern war stets und intensiv im sozialen, kirchlichen, wirtschaftlichen, künstlerischen und politischen Leben und Handeln der jeweiligen Zeit und des konkreten Raumes verwoben. Diesen verschiedenen Bereichen monastischen Lebens sowie deren theologischen und spirituellen Grundlagen wird sich das kirchenhistorische Seminar widmen. Die vielfältige Lebenswelt der Zisterzienser soll anhand von Quellen und Sekundärliteratur zum einen thematisch erörtert und zum anderen auf Kontinuitäten, Transformationen und/oder Brüche im Laufe der Ordensgeschichte analysiert werden. Die Exkursion ins ehemalige Zisterzienserkloster Eberbach wird das zuvor erworbene Wissen an einem Ort, an dem der Orden aus Cîteaux Jahrhundert lang wirkte, vertiefen.

Vorstellung und Diskussion aktueller Lizenziats- und Dissertationsprojekte.

Diese Vorlesung findet statt im Kontext des Moduls 10 Ekklesiologie.

Thema der Vorlesung ist ein Überblick über die institutionelle, religiöse und intellektuelle Selbstwerdung der Kirche im Mittelalter.
Die Abgrenzung zwischen Herrschaft und Kirche ist ständige Herausforderung in dem Zeitraum vom 10. bis zum 15. Jahrhundert.

Diese Vorlesung gliedert sich in drei Abschnitte:

"Die Kirche in der Welt",
"Innerkirchliche Verhältnisbestimmungen" und
"Theologische Konzeptionen von der Kirche".

Weithin exemplarisch arbeitend, sollen verschiedene Konzeptionen von Kirche in dieser Zeit vorgestellt werden.

In der Vorlesung werden folgende Themen-Bereiche behandelt:

(I) Christen und Nichtchristen in den ersten Jahrhunderten (Frühe Kirche und Judentum: Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen / frühe Kirche und pagane Umwelt: unterschiedliches Religionsverständnis und Inkulturation);

(II) Frühe Kirche und weltliche Herrschaft (Kaiserliche Religionspolitik; Christentum als Minderheitsreligion, als religio licita, als Staatsreligion);

(III) Zentrale Aspekte der Theologiegeschichte der ersten Jahrhunderte (Die frühe Kirche und ihr Verhältnis zur Heterodoxie; das Erste Konzil von Nikaia).

Für Christen gilt die Heilige Schrift in zwei Teilen als die grundlegende Lebensregel. Alle kirchlichen Vollzüge und der Glaube insgesamt nehmen Maß an diesem normativen Text. Darüber hinaus haben Christen im Verlauf der Geschichte der Kirche für die von ihnen gegründete partikuläre Lebensgemeinschaft (Orden) weitere Regeln entworfen, die die Kirche jeweils angenommen hat.
In diesem Seminar sollen einige dieser Ordensregeln in Ausschnitten studiert und besprochen werden, um die geschichtliche Vielfalt möglicher christlicher Lebensformen kennenzulernen. Insbesondere lesen wir Abschnitte aus der  Augustinus- und der Benediktsregel; aus der Carta caritatis der Zisterzienser; den Regeln der Franziskaner; aus der jüngeren Geschichte kommen die Konzeptionen des hl. Ignatius von Loyola sowie der hl. Katharina Kasper zur Sprache.
Die Methode des Seminars besteht grundsätzlich in Quellenlektüre, soweit wie möglich in dt. Sprache.

Bekehrungen spielten – und spielen immer noch! – in der Kirchengeschichte eine große Rolle, seien es Bekehrungen einzelner oder ganzer Personengruppen und Völker. Im pagan-antiken Raum, in dem die Hinwendung zu neuen Kulten keine Abkehr von den bisher gepflegten verlangt, stellt Bekehrung im religiösen Sinn ein jüdisch-christliches Spezifikum dar: Hinwendung zu dem einen Gott bedeutet Absage an alle anderen. Bekehrung – aufgrund von menschlicher Entscheidung oder Ergriffensein durch Gott – ereignet sich aber auch innerhalb von Judentum und Christentum: als Hinwendung zu besonderen Formen des Bekenntnisses (confessio) oder zu einer vertieften oder radikaleren Gottesbeziehung, nicht selten mit der Folge von Spaltungen. Auch Apostasie vom christlichen Glauben als „negative Bekehrung“ kann kirchengeschichtlich relevant sein.

Die Bedeutung von Bekehrungen für die Kirchengeschichte soll anhand einzelner Biographien erarbeitet werden. Vorgesehen sind u.a.: Paulus, Priscillian, Julian Apostata, Augustinus, die Angelsachen, Bernhard von Clairvaux, Martin Luther, Christina von Schweden und John Henry Newman.

Die Einschreibungen zu dieser Lehrveranstaltung erfolgt unter der Fächergruppe "Dogmatik" . Dort werden auch alle Arbeitsmaterialien zu dieser Lehrveranstaltung eingestellt.