Plotin (204 - 270 n. Chr.) ist nach Platon und Aristoteles der bedeutendste und wirkungsmächtige Denker der Antike. Der von ihm begründete Neuplatonismus dominierte die letzte Epoche der antiken Philosophie und blieb einflussreich bis zur Wiederentdeckung der Schriften des Aristoteles im Hochmittelalter. Plotin verstand sich als Exeget Platons. Im Unterschied zu den modernen Platoninterpreten erblickt er hinter den Dialogen und Briefen ein System, das in einer Prinzipienmetaphysik gipfelt, die alles Denkbare und Seiende auf ein Prinzip, das überseiend göttlich Eine, zurückführt. Plotin kennt aber auch eine Philosophie des Geistes, die dem Geist nicht nur eine besondere Stellung in der Wirklichkeit zuerkennt, sondern ihn als die Fülle des Seins thematisiert. Das selbstbewusste Denken (der Geist) ist aber nicht das Absolute wie bei Hegel. Die Transzendenz des Einen nicht nur über das Seiende, sondern auch über das Denken motiviert in Plotins Philosophie den Übergang vom diskursiven Denken zum mystischen Einigungserlebnis. Plotin ist nicht nur der Vollender der griechischen Metaphysik, er ist der Begründer einer genuin philosophischen Mystik.
Das Seminar bietet einen Querschnitt durch das Denken Plotins. Es werden drei seiner "Enneaden" (der von Porphyrios in sechs Neunergruppen aufgespaltene schriftliche Nachlass Plotins) gelesen, die Enneaden V 5 ("Dass die geistig erkennbaren Gegenstände nicht außerhalb des Geistes sind, und über das Gute"), VI 9 ("Über das Gute oder das Eine") und I 1 ("Über die Frage, was das Lebewesen und was der Mensch ist").