Spätestens seit dem letzten Präsidentschaftswahlkampf in den USA sind das „postfaktischen Zeitalter“ und „alternative Wahrheiten“ in aller Munde. Ist die Rede von der einen Wahrheit und von Wahrheit als Entsprechung zur Wirklichkeit noch zeitgemäß oder sollte man nicht besser auf sie verzichten und anstatt des Beharrens auf Wahrheit und das „Reizklima des Recht-haben-Müssens“ (Martin Walser) den Abschied vom metaphysischen Ideal der Wahrheit als Schritt zu mehr Humanität und Toleranz feiern und auf eine entspannt-ironische Kultur der Konversation (Richard Rorty) setzen?
Aber man sollte nicht vergessen, dass das „Erkennen und Verstehen unserer Identität“ untrennbar mit unserem Bemühen um Wahrheitserkenntnis verbunden ist (Harry Frankfurt).
Nicht zuletzt auf dem Gebiet der Religion sind Wahrheitsansprüche ein heikles Thema, denn es wird oft angenommen, dass die miteinander inkompatiblen Wahrheitsansprüche der Religionen religiöse Gewalt motivieren oder wenigstens legitimieren. Daher wird immer wieder vorgeschlagen, gerade die Religionen sollten auf exklusive Wahrheitsansprüche verzichten.
Zur sachgemäßen Behandlung dieser wichtigen Fragen ist es notwendig, zuerst sich über einen präzisen Begriff der Wahrheit zu verständigen und zu schauen, welche Rolle ein solcher Begriff in den verschiedenen Bereichen des individuellen und sozialen Lebens spielt.
Das Seminar soll zum einen einen Einblick in zeitgenössische philosophische Wahrheitstheorien geben und zum anderen in Diskussionen um den Wahrheitsbegriff in Medienwissenschaft und den Naturwissenschaften und im Christentum, Islam und Judentum einführen.