Die christliche Identität entfaltet sich ausgehend vom Osterereignis und seiner Verkündigung, von seiner liturgischen Vergegenwärtigung und seiner Umsetzung in eine entsprechende Lebenspraxis. Die Vorlesung, die sich mit der Entstehung und Entwicklung des kirchlichen Lebens in den ersten Jahrhunderten befasst, hat dementsprechend folgende Schwerpunkte:

● Frühkirchliche Theologie und Verkündigung
(die Frage nach der Wahrheit in Auseinandersetzung mit Judentum, Philosophie, heidnischen Religionen, Häresien).
● Frühe Formen des christlichen Gebets und Gottesdienstes; Anfänge des sakramentalen Lebens in der Alten Kirche (Bekehrung – Katechumenat – Taufe; Eucharistie; altkirchliche Bußpraxis).
● Die Praxis christlicher Nächstenliebe in den ersten Jahrhunderten
(die Sorge für den Mitchristen; die Sorge für den Mitmenschen).
● Der Aufbau von Gemeindestrukturen (Ämter und Dienste; christliche Gemeinden im Römischen Recht).

Diese Überblicksvorlesung will in die Geschichte der Kirche einführen, die seit ihrer Gründung kontinuierlich die eine Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments auslegt. Diese Geschichte der kirchlichen Bibelauslegung rückt infolge der vielfältigen Forschungen der vergangenen Jahrzehnte mehr und mehr in das Zentrum der Historischen Theologie, denn die Geschichte der Kirche und des Christentums in Europa sind zu einem maßgeblichen Teil unter der genannten Rücksicht zu verstehen. Dabei kommt die Geschichte des Bibeltextes ebenso zur Sprache wie die Rezeption im Rahmen der unterschiedlichen Lebensordnungen, die sich in der Kirche entwickelt haben. Insbesondere jedoch werden die Methoden der Exegese vorgestellt, so daß in der Zusammenschau mit den jeweils zeitgenössischen theologisch-politischen Herausforderungen an die Kirche (Liturgie, Institutionen und Recht der Kirche) und die Christen (theologische Argumentation, geistliche Lesung) die Auslegung einer biblischen Passage verständlich wird. 

Die Übung wird begleitend zur Vorlesung angeboten. Thematisch sollen jeweils offene Fragen aus der Vorlesung erläutert werden anhand konkreter Beispiele.

Bekehrungen spielten – und spielen immer noch! – in der Kirchengeschichte eine große Rolle, seien es Bekehrungen einzelner oder ganzer Personengruppen und Völker. Im pagan-antiken Raum, in dem die Hinwendung zu neuen Kulten keine Abkehr von den bisher gepflegten verlangt, stellt Bekehrung im religiösen Sinn ein jüdisch-christliches Spezifikum dar: Hinwendung zu dem einen Gott bedeutet Absage an alle anderen. Bekehrung – aufgrund von menschlicher Entscheidung oder Ergriffensein durch Gott – ereignet sich aber auch innerhalb von Judentum und Christentum: als Hinwendung zu besonderen Formen des Bekenntnisses (confessio) oder zu einer vertieften oder radikaleren Gottesbeziehung, nicht selten mit der Folge von Spaltungen. Auch Apostasie vom christlichen Glauben als „negative Bekehrung“ kann kirchengeschichtlich relevant sein.

Die Bedeutung von Bekehrungen für die Kirchengeschichte soll anhand einzelner Biographien erarbeitet werden. Vorgesehen sind u.a.: Paulus, Priscillian, Julian Apostata, Augustinus, die Angelsachen, Bernhard von Clairvaux, Martin Luther, Christina von Schweden und John Henry Newman.

Die klassische Antike bildet den sozialen, politischen, religiös-kulturellen und nicht zuletzt auch intellektuellen Hintergrund, vor dem sich die christliche Botschaft ausbreitet. Dieser spezifische Kontext bestimmt in loyaler Anpassung an und in kritischer Absetzung von der paganen Antike die Entstehung einer christlichen Theologie und die institutionelle Ausgestaltung der Kirche. In den ersten sechs Jahrhunderten wurden viele der bis heute relevanten und geltenden Inhalte und Formen des Christentums grundgelegt: Der ntl. Kanon, die Glaubensbekenntnisse, die Ämterstruktur und die Grundgestalt des christlichen Gottesdienstes.
Anhand ausgewählter Schwerpunkte behandelt die Vorlesung diese Transformationsprozesse in der antiken Welt und analysiert Eckpunkte der altkirchlichen Entwicklung – angefangen von der apostolischen Missionspredigt über die theologische Lehrentwicklung bei den altkirchlichen Konzilien bis zur Ausgestaltung einer spätantiken Reichskirche. Die Vorlesung vermittelt kirchen- und theologiegeschichtliche Grundlagenkenntnisse und zeigt Chancen und Grenzen einer Inkulturation des Christlichen auf. Sie leistet einen Beitrag, das geschichtlich Bedingte der maßgeblichen Anfänge angemessener zu verstehen und einen verantwortlichen Transfer für die aktuellen Herausforderungen von Theologie und Kirche zu initiieren.

Die ‚Bekenntnisse‘ des Augustinus, in deren ersten neun Büchern der Bischof von Hippo auf die ersten drei Jahrzehnte seines Lebens zurückblickt, werden bis heute gern als ‚Autobiographie‘ bezeichnet. In der aktuellen Augustinus-Forschung sind allerdings erhebliche Zweifel an einem solchen Verständnis geäußert worden – nicht zuletzt, weil die Selbst-Darstellung des Augustinus in den ‚Confessiones‘ in einigen Punkten nicht mit Aussagen seiner frühesten Schriften vereinbar ist. Nach neueren Interpretationen lassen die ‚Confessiones‘ sich statt als Autobiographie als Protreptikos (Werbeschrift) verstehen (Erich Feldmann) sowie als Versuch des Augustinus, kritischen Anfragen hinsichtlich seiner Vergangenheit den Wind aus den Segeln zu nehmen (Volker Henning Drecoll), oder als theologisches Werk, in dem Augustinus anhand einer stark stilisierten Beschreibung seines eigenen Lebens den Abfall des Menschen von Gott und seine durch Gottes Gnade ermöglichte Rückkehr zu Gott darstellt (James J. Oʼ Donnell; vgl. bereits Henry Chadwick).

Die Einschreibungen zu dieser Lehrveranstaltung erfolgt unter der Fächergruppe "Dogmatik" . Dort werden auch alle Arbeitsmaterialien zu dieser Lehrveranstaltung eingestellt.